Artikel
Loco Dice im Interview
»7 Dunham Place« - Loco Dice erstes Album kommt direkt aus New York -
7 Dunham Place, Brooklyn, New York City
Ein halbes Jahr lang lebte Loco Dice gemeinsam mit seinem Produktionspartner Martin Buttrich in einem kleinen New Yorker Loft. Der Düsseldorfer erfüllte sich damit einen Lebenstraum. Florian Schneider verriet er im Interview, wie ihn seine Zeit in New York verändert hat, was er nach seiner DJ-Karriere machen will und wieso er niemals aus Düsseldorf wegziehen möchte.
SMAG: In welcher Ecke von New York habt ihr euer Studio gehabt, in dem ihr »7 Dunham Place« aufgenommen habt?
Loco Dice: In Brooklyn, Williamsburg. Ich bin schon lange echter New York-Fan, habe aber vor allem Freunde, die in der Lower East Side und in Soho wohnen. Von Brooklyn wusste ich nicht so viel, insofern war ich froh, als wir gemerkt haben, dass Williamsburg ein Stadtteil ist, in dem coole Leute unterwegs sind.
War dein New York-Aufenthalt denn auch eine Reise zurück zu deinen musikalischen Wurzeln im HipHop?
Zunächst war New York die Erfüllung eines lang gehegten Traums. Ich wollte das eigentlich schon lange machen, war aber immer zu feige, es wirklich zu planen. Man labert eben viel, ohne es zu machen. Bis ich mit Carl Cox auf Tour war und drei Blocks von der Ecke, wo Martin (Buttrich, Loco Dice-Produzent) und ich später gewohnt haben, stand und dachte: >Ich muss es machen!< Bei der Planung habe ich noch nicht daran gedacht, dass New York ja auch eine Reise zu meinen musikalischen Wurzeln ist, als ich dann aber vor Ort war und die Graffitis gesehen habe, kamen mir wieder Grandmaster Flash, Das EFX und solche Sachen in den Sinn. Meine HipHop-Zeit ist dort wirklich noch einmal an mir vorübergezogen. Deshalb hat das halbe Jahr mich nicht nur musikalisch weitergebracht, es hat mich auch persönlich verändert.
New York: gut für die innere Balance
 Inwiefern hat es Einfluss auf deine Persönlichkeit gehabt?
Ich bin ruhiger geworden, entspannter. Ich war vorher sehr wild und verrückt. Seit New York bin ich innerlich ausbalanciert, obwohl es eine harte Zeit war, ohne die Freunde aus Deutschland, ohne meine Freundin, meine Familie. Nur die ganze Zeit mit Martin in einer Bude. Wir haben viel voneinander gelernt, sind dabei aber auch beide selbstständiger geworden. Die USA zwingen dich einfach dazu, weil nicht alles so durchorganisiert ist wie hier. Dort musst du nachhaken und schauen, wie’s läuft. Das macht es dort rougher und das prägt natürlich.
War es denn von Anfang an geplant, nur ein halbes Jahr dort zu bleiben, oder wärst du am Ende lieber noch länger geblieben?
Na, klar! Obwohl die ersten drei Monate ziemlich katastrophal waren. Für Martin war es noch einfacher, er konnte seine Produktionen ja am Rechner machen, ich hatte es da schon schwerer, meinen Kram zu erledigen. Die Time Warp-CD habe ich auch von New York aus am Laptop fertig gemacht. Aber für den DJ Loco Dice war es natürlich katastrophal. Ich habe Deutschland auf dem Peak meiner bisherigen Karriere verlassen und war plötzlich für nichts mehr verfügbar. Keine Interviews, nichts! Sven Väth zum Beispiel war ziemlich skeptisch, ob es die richtige Entscheidung war, zu diesem Zeitpunkt zu gehen. Aber im Nachhinein weiß ich: Es war die richtige Entscheidung. Ich brauchte auch die Ruhe, denn in den zwei Jahren davor ging alles viel zu schnell für mich.
Berlin, New York oder doch lieber Düsseldorf?
Nachdem du jetzt ein halbes Jahr aus Deutschland weg warst, hast du doch sicher darüber nachgedacht, Düsseldorf zu verlassen und nach Berlin zu ziehen, was ja immer noch sehr viele deiner Kollegen machen, oder ganz nach New York zu gehen?
Ich bin born and raised in Düsseldorf und deshalb kommt das für mich überhaupt nicht in Frage. In meinen Anfangsjahren war ich schon glücklich mit der Stadt, sie hat mir alles gegeben, was ich brauchte. Ich war viel unterwegs und habe mir die Inspiration auf meinen Reisen geholt und habe mich immer gefreut, in meine Stadt zurückzukommen Mein kompletter Freundeskreis wohnt hier, ich habe hier so viel durchgemacht, mein Wechsel von HipHop zu House zu Techno, mein Fußballclub, die Kampfsportschule, den Palaver auf der Kirmes mit den Leuten aus Oberbilk. Ich hab hier alles erlebt, man kann das nicht einfach abschneiden und gehen. Als dann der Hype von wegen »Berlin ruft« aufkam, habe ich gesagt: >Da beteilige ich mich auf keinen Fall!< Ich bin kein Freund von Orten, an denen soviele DJs zusammen kommen. Jeder braucht doch seine Freiheit. Da können die Berliner noch so betonen, wie frei sie wären, ich glaub es ihnen nicht. Wenn ich dort in ein eine Restaurant gehe, treffe ich drei meiner Kollegen, geh ich woandershin, treff ich vier Kollegen und an der Pommesbude warten Guido Schneider und Jay Haze. So groß ist die Stadt ja nicht und die DJs bewegen sich alle im selben Mikrokosmos. Da finde ich Düsseldorf größer, hier treffe ich nämlich keine Sau.
»To the hip hip hop, a you don´t stop «
 Wo gehst du denn hin, wenn du mal in Düsseldorf bist?
Du meinst, wenn ich mich wirklich mal dazu entscheiden sollte, in einen Club zu gehen? Dann gehe ich mit meinen Jungs auf eine HipHop-Party, ein paar Bier heben und ein paar alte Classics hören.
Du verfolgst aber nicht mehr, was momentan so im HipHop passiert?
Teils, teils. Ich kaufe schon noch Platten und ab und zu mal ´ne Backspin und lach mich beim Lesen kaputt. HipHop ist inzwischen so fernab der Realität. Das ist mir zu sehr auf einzelne Städte fokussiert, die Beats stehen gar nicht mehr so im Vordergrund. Selbst die Amis sind zu großen Teilen stinklangweilig geworden.
Der Sound, den du auflegst, ist sehr groovy. Ist das etwas, das du dir aus deiner HipHop-Zeit bewahrt hast?
Ich bin froh, dass du nicht das Wort »Minimal« benutzt. Mein Sound ist nämlich in erster Linie groovy und perkussiv und das ist in der Tat etwas, was ich in meiner Zeit als HipHop-DJ gelernt habe und immer noch versuche zu transportieren.
In Zukunft: Restaurantbesitzer
In einem früheren Interview hast du einmal den Wunsch geäußert, nach deiner DJ-Karriere ein Restaurant eröffnen zu wollen. Ist das immer noch so?
Definitiv! Das werde ich auch irgendwann in die Tat umsetzen. Mittlerweile denke ich sogar über ein kleines Designerhotel mit zehn Zimmern nach, mit einem kleinen italienischen Restaurant und einer dunklen Bar, in der geraucht werden darf.
Kochst du selbst denn auch gerne oder siehst du dich dann mehr so als »Patrone«, der von Tisch zu Tisch geht und die Gäste begrüßt?
Ach, ich koche wirklich gerne, aber wenn man viel unterwegs ist, kommt man nicht dazu. Außerdem macht alleine kochen keinen Spaß. Aber selbst in die Küche stellen? Dafür reicht mein Können auf keinen Fall. Ich stell mir meine Rolle im Restaurant eher so vor wie Rocky in »Rocky 5«: im Restaurant rumhängen, die Gäste begrüßen, dummes Zeug reden und eine riesige Plautze vor mir herschieben. (lacht)
Biographische Daten
 Seit 1992 bestimmt Musik das Leben des gebürtigen Tunesiers und Düsseldorfers aus Leidenschaft. Erste Gehversuche macht Loco Dice als Hip-Hop-Act, ab 1994 folgen eigene Veröffentlichungen als HipHopper. Die musikalische Wende folgt 1998, Dice beginnt House aufzulegen, macht sich schnell einen Namen und wird als Resident des Tribehouse bald weltweit als DJ gebucht. Eine weitere Residency im DC-10 auf Ibiza folgt und ab 2002 beginnt Loco Dice gemeinsam mit Martin Buttrich eigene Tracks zu produzieren, die auf 4:twenty, Cocoon und Minus veröffentlicht werden. Dice ist Anfang 30, lebt in Düsseldorf, führt gemeinsam mit Martin Buttrich das Label »Desolat« und träumt von einem italienischen Restaurant.
»7 Dunham Place« erscheint am 11.04.08 auf Desolat Records ........ www.locodice.com
ARTIKELINFORMATIONEN / AUTOR
Artikel zuletzt aktualisiert am: Samstag, 05. April 2008
Teilen
Angesehen: 1841
Kommentare: 0
 |
floBo
Florian aus Düsseldorf (34)
offline
|
|
|