Artikel
Kursrichtung: Club
Wieso Moby nicht länger als verbohrter Dogmatiker gelten will - Der Superstar im Interview
Moby in der Midlife-Crisis?
Steckt Moby in der Midlife-Crisis? Mit 42 belebt der wahlweise als verbohrter Veganer oder radikaler Tierschützer bezeichnete New Yorker seine DJ-Karriere neu und spielt gleich zwei Gigs in einer Nacht. Seit einigen Monaten schmeißt er seine eigenen »Degenerates«-Partys, sein aktuelles Album »Last Night« schließlich ist als Streifzug durch eine lange New Yorker Partynacht angelegt. Zur perfekten Midlife-Crisis fehlen da nur Liebschaften mit unbekannten und vor allem jungen Schönheiten. Im Interview mit Florian Schneider gibt sich Richard Melville Hall, so Mobys bürgerlicher Name, jedenfalls alle Mühe, sein Image zu korrigieren und als lockerer Typ wahrgenommen zu werden.
Clubbing mit 42
 Smag: Im Vergleich mit den letzten beiden Alben ist auf »Last Night« mehr für den Club produziert. Bist du denn regelmäßig in der New Yorker Clubszene unterwegs?
Moby: Für mein Alter von 42 gehe ich einfach viel zu oft aus. 1980, als vor 28 Jahren war ich das rste mal in einem New Yorker Club und gehe heute immer noch drei bis vier Mal die Woche raus. So langsam sollte ich lernen, Zuhause zu bleiben. Allerdings gibt es dort, wo ich wohne, in der Lower East Side, soviel nette Bars und Clubs. Die Herausforderung besteht eher darin, nicht zu viel zu trinken, als nicht auszugehen. Vor zehn oder 15 Jahren war man seinen Kater mittags wieder los, mit 42 hat man 24 Stunden etwas davon.
In einem der Songs auf »Last Night« beziehst du dich auf 1989. Wenn du die Clubszene damals mit der von heute vergleichst, was hat sich deiner Meinung nach geändert?
In den 80er Jahren war die Clubszene in New York stark von Schwarzen, Latinos und Schwulen geprägt. Mehr als einmal in den Achtzigern war ich als DJ der einzige Weiße im ganzen Laden. Inzwischen ist die Clubszene eher von den Kaukasiern, den Weißen, geprägten. Außerdem war New York vor 20 Jahren ein ziemlich finsterer Ort. Die Crackepidemie sorgte dafür, dass die Communities der Schwarzen und der Latinos stark dezimiert wurden, und als Resultat hatte man dann diese reichen Drogendealer, die überall aufeinander geschossen haben. Beinahe jede Woche wurde damals jemand erschossen. Mal war es der Türsteher, mal wurde in der VIP-Lounge geschossen. Dazu kam, dass in den 80ern durch Aids viele kreative Kräfte der schwulen Community starben. New York in den 80ern, das war wie Sarajevo.
Ein Missverständnis namens Disco
Vor kurzem hast du ja auch deine eigene DJ-Karriere wiederbelebt ...
Naja, das kann man so nicht sagen, aber in den letzten zehn Jahren habe ich mich vor allem aufs Touren und die Band konzentriert und nur noch auf Partys von Freunden aufgelegt. Allerdings habe ich letztes Jahr wieder angefangen neue Platten zu kaufen. Zwischen 1999 und 2006 habe ich keine einzige Platte gekauft.
Ursprünglich sollte »Last Night« ja »Disco Lies« heißen. Wieso hast du den Namen doch noch geändert?
Als ich mit ein paar Freunden aus England über den Titel gesprochen habe, musste ich feststellen, dass Disco in jedem Land eine andere Bedeutung hat. Ich weiß nicht wie es in Deutschland ist, aber ich denke nicht, dass man damit etwas besonders Glamouröses verbindet. Disco war für meine Freunde in England mit Singles assoziiert, die sich in zu enge Hosen zwängen und hoffen nicht alleine nach Hause zu müssen. In New York war Disco der absolute Glamour. Disco war Andy Warhol, Mick Jagger und Liza Minelli, die gemeinsam ins Studio 54 gingen. Disco war die letzte Ära, in der die Leute ohne Konsequenzen ausgehen konnten. Sie tranken, nahmen Drogen, hatten Sex und mussten sich wegen nichts Sorgen machen. Aids war noch in weiter Ferne und Kokain die Droge der Stunde.
Ohne Führerschein in New York City
 Hast du denn schon einmal darüber nachgedacht in eine andere Stadt als New York zu ziehen?
Das würde ich wirklich gerne machen, aber ehrlich gesagt weiß ich nicht wohin. Viele meiner Freunde ziehen im Moment von New York nach Berlin, weil Deutschland in den letzten Jahren wirklich zum Zentrum der elektronischen Musik geworden ist. Außerdem müsste ich in eine Stadt ziehen, in der ich alles zu Fuß machen kann, weil ich keinen Führerschein habe.
Wolltest du keinen Führerschein machen oder weshalb hast du keinen?
Bis zu meinem 26. Lebensjahr hatte ich einen, danach ist er abgelaufen. Weil ich so ein miserabler Fahrer war, habe ich ihn dann auch nicht erneuern lassen. Seitdem ist New York ein sehr viel sicherer geworden... (lacht)
Das sind aber dann doch eher pragmatische Gründe, die für New York sprechen.
Natürlich spielen die Freunde, die ich hier habe, auch eine große Rolle. Außerdem ist man von New York aus schnell in Europa und ebenso schnell an der Westküste der USA. Außerdem ist New York für eine amerikanische Stadt sehr progressiv und sehr links. Außerdem wollen alle anderen unbedingt nach New York. Insofern kann ich dort einfach sitzen und die Leute kommen von selbst zu mir.
Cloverfield, James Bond und Mobys Filmmusikprojekt
Vor einigen Monaten hast du die Website mobygratis.com gestartet, auf der sich junge Filmemacher kostenlos Musik von die herunterladen und sie in ihren Filmen einsetzen können. Was willst du mit diesem ungewöhnlichen Projekt erreichen?
Als ich an der Universität Philosophie studiert habe, hatte ich als Nebenfach Filmwissenschaft und habe deshalb eine Menge Freunde aus der Independentfilm-Szene. Immer wieder haben sie sich bei mir darüber beschwert, wie schwer es für sie sei, an Musik für ihre Filme zu kommen. Insofern ist mobygratis mein Versuch diesen Freunden etwas zurück zu geben. Aus kreativer Sicht ist es auch für mich interessant, weil ich so Musik veröffentlichen kann, die experimenteller als das ist, was ich für gewöhnlich auf ein Album packe.
Was für Filme schaust du dir denn gerne an?
Ich gebe es ja nicht gerne zu, aber ich liebe Blockbuster. Ein guter Blockbuster ist wie ein Ausflug in den Freizeitpark oder eine Fahrt auf der Achterbahn. Man setzt sich für 90 Minuten ins Kino, schaltet sein Hirn aus und taucht komplett in den Film ein. In letzter Zeit war Cloverfiled der beste Film, den ich gesehen hab. Ich finde es ist der beste Monsterfilm aller Zeiten. Das Monster ist riesig. Normalerweise sind Monster wie Godzilla so groß wie ein Haus, aber in Cloverfield ist das Monster so groß wie ein ganzer Straßenblock.
Für »Der Morgen stirbt nie« hast du schon einmal an dem Soundtrack eines James Bond Films mitgewirkt. Mit »Live for tomorrow« gibt es auf «Last Night« einen Song, der fatal an andere James Bond Songs erinnert. Ist es Traum von dir, irgendwann einmal den Titelsong für einen James Bond zu schreiben?
Es gab ja schon »Tomorrow never dies« und »Live and let die«, wieso sollte es nicht einen Film geben der »Live for tomorrow« heißt die. Wenn das Filmstudio also den Song haben will ... Ich lasse meine Songs gerne für Filme lizensieren, weil das für mich bedeutet ohne Arbeit Geld verdienen zu können. Das seltsame an James Bond Songs ist doch, dass einige von ihnen echte Welthits wurden, während andere einfach nur schrecklich und geschmacklos sind. An einige erinnern wir uns überhaupt nicht mehr. Oder erinnerst du dich daran, dass Sheryl Crow einen James Bond Song gemacht hat? Chris Cornell hat auch einen James Bond Song gemacht und er gehört definitiv nicht zu den Highlights einer Karriere.
Ganz ohne Politik gehts nicht
 Du bist bekannt dafür, unheimlich viele Songs zu schreiben. Wieviele hast du dieses Mal geschrieben?
Ungefähr 300, von denen 15 übrig geblieben sind.
Bleibt da überhaupt noch Zeit für andere Aktivität, die nichts mit Musik zu tun haben?
Einerseits verdiene ich mit Musik mein Geld, andererseits mache ich Musik einfach nur aus Spaß am Musikmachen. Eins meiner Hobbys ist es also in einer Rockband zu spielen. Wen ich irgendwo im Hotel sitze, logge ich mich um zu relaxen meistens auf Ebay ein und kaufe altes Equipment. Das einzige, das nichts mit Musik zu tun hat, ist Lesen.
Was liest du denn am liebsten?
Eine Menge trashiger Romane, Science Fiction, typische Flughafenlektüre.
2004 hast du dich sehr im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf engagiert und den demokratischen Kandidaten Kerry unterstützt. Wieso hälst du dich diesmal zurück und siehst von einer öffentlichen Unterstützung ab?
Schlimmer als in den Jahren unter Bush kann es nicht mehr werden und seine Zeit ist ja definitiv abgelaufen. Ob jetzt Barack Obama oder Hillary Clinton Präsidentschaftskandidat der Demokraten werden ist gleich. Außerdem werde ich eh als so links wahrgenommen, dass Mobyfans in den USA eh die Demokraten wählen werden. Insofern braucht es mein persönliches Engagement nicht mehr.
 »Last Night« von Moby erscheint am 28.03.08 bei Mute Records ........ www.moby.com
Fotos: Danny Clinch (2), Deirdre O'Callaghan (2)
ARTIKELINFORMATIONEN / AUTOR
Artikel zuletzt aktualisiert am: Donnerstag, 28. Februar 2008
Teilen
Angesehen: 283
Kommentare: 0
 |
floBo
Florian aus Düsseldorf (34)
offline
|
|
|